Radiokonzert Tocotronic | 29.01.2010
Schall und Wahn: das Radiokonzert mit Tocotronic
Es ist 20.45 Uhr. Gerade sind Me And The White Tiger schweiß-dröppelnd von der Studiobühne und rund achtzig SPUTNIK-Hörer sammeln die Gedanken für Tocotronic. Kevin, Ulrike und Jana, mehrheitlich 23 und aus Halle, debattieren, ob nicht doch die alten Tocotronic-Songs ein bisschen mehr Wumms als die neuen haben. Kristin und Felix sind mit 30 Jahren Fans der ersten Stunde und verfahren an diesem Abend wie immer: erst ein Konzert besuchen, dann die neue Platte kaufen. Die Erwartungen auch hier: immens.
Fotostrecke: Das war das Radiokonzert mit Tocotronic
Pünktlich mit Abpfiff der 21 Uhr-Nachrichten betreten Tocotronic die Bühne - Dirk von Lowtzow mit offenem Hemd, Gitarrist Rick McPhail im Red Sox-Shirt und die Herren Jan Müller und Arne Zank bilden die Polohemd-Fraktion. "Hallo Halle, wir sind Tocotronic" grüßt Dirk und schon schwingen sich die Gitarren zum ersten Warm-Up-Feedback auf. Noch schnell die Menschen an den internetfähigen Mobiltelefonen gegrüßt (Zitat: "So ist das heutzutage!") und ab in tocotrone Fieberträume.
Wir Sind Viele
"Eure Liebe tötet mich“ vom aktuellen Album "Schall und Wahn“: Was für ein Intro! Wenn man bedenkt, dass Tocotronic vor allem in den 90er Jahren ungefragt von allerlei Jugendbewegungen vereinnahmt wurden, verfällt man bei diesem Song als Opener ins Grübeln. Meinen die etwa uns? Vielleicht sogar eine verspätete Aufarbeitung? Ach was, jetzt einfach mal gehen lassen und weiter zu "Ein leiser Hauch von Terror“.
Bitte Oszillieren Sie!
"Der nächste Song handelt vom heiligsten aller heiligen Kriege, Er heißt Verschwör´ Dich Gegen Dich.“ Schon sind wir bei "Kapitulation“, dem vorangegangenen Tocotronic-Album, bei dem sich textlich alle Gegner ergeben. Das Studiopublikum ist auf dem besten Weg dorthin. Jan Müller findet daran augenscheinlich Gefallen. Das Bandmitglied, das mit Sicherheit zu den am elegantesten spielenden Bassern des Landes gehört, hält stoisch die wütenden Gitarren im Zaum und blickt zufrieden in den Raum.
Let There Be Rock
Als das markante Riff zu "Aber Hier Leben, Nein Danke“ die aufgezwirbelten Verstärker verlässt, schwappt das Köpfe-Schütteln aus den ersten Reihen über den gesamten Raum. Dirk peitscht seine Textzeilen förmlich über die Köpfe, Worte wie "Exzess“ oder "Exil“ treffen schärfer als ein Ladyshave ohne Sicherheitsbügel. Die Gitarren greifen indes ineinander wie mächtige Mahlwerke. Direkt aus dem Feedback-Regen des Endes schält sich "Jungs, Hier Kommt Der Masterplan“, ein sehr, sehr alter Song der Band. Das Tempo verschärft sich.
Dann "Let There Be Rock“. Die Hymne! Die dem Stück eigenen Europe-Synthiezitate auf der Platte denken sich heute einfach alle mit, während SPUTNIK-Redakteurin Lydia auf ihrem Logenplatz im Rückraum einen astreinen Tocotronic-Koller bekommt. Jetzt noch "Macht Es Nicht Selbst“ und "Stürmt Das Schloss“, Geräuschetürme und Gitarrenorgien. Dirk bellt atemlose Parolen in die Hallenser Nacht. "Gift“ kommt als letztes, wie ein süßer, langsamer Tod. Dann ist auch schon Schluß. "Wat? Neeee!“ tönt es empört aus der letzten Reihe.
Konzert-Ende, Du Hast Unsern Abend Zerstört
Als wären Kevins, Ulrikes und Janas Wünsche erhört worden, verabschieden sich Tocotronic mit zwei Klassikern: "Drüben Auf Dem Hügel“ und "Die Idee Ist Gut Doch Die Welt Noch Nicht Bereit“. Julia und ihre Freundin Anne, beide 20 und aus Halle sind zufrieden. Schulnote 1, ganz klare Sache. Auch Rachel und Johanna, 15 Jahre alt, recken den Daumen in die Luft. "Eine tolle Mischung aus alten und neueren Songs, wir sind ganz begeistert!“ finden beide. "Und irgendwann später, wollen wir mal mit Dirk von Lowtzow einen Kaffee trinken gehen“. Das will nach diesem Abend wahrscheinlich jeder.













































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