SPUTNIK Litpop | 15.03.2009
Litpop 2009: Pop küsst Prosa im Märchenschloss
23.02.2010
Hier soll wohl ein Lesezeichen gesetzt werden. Das geschichtsträchtige Gemäuer erstrahlt in gleißendem Magenta. Der rote Teppich fließt die geschwungene Steintreppe herab. Am Geländer lehnen die ersten Gäste. Bei der Dame glitzert’s, der Herr trägt edlen Zwirn zu den weißen Turnschuhen. Typischer Samstagabend-Flitter? Denkste. Die beiden blättern Benjamin Leberts neuen Roman "Flug der Pelikane" quasi mit der Nase um. Spätestens jetzt dämmert es auch dem Ahnungslosen: Hier will man sich nicht nur im flirrenden Kitsch der Discokugel sonnen. Die SPUTNIK Litpop 2009 hat Größeres vor: Sie vermählt auch in diesem Jahr Prinz Pop und Prinzessin Prosa.
Eingeschneit im Wohnzimmer
Es könnte kein angemesseneres Ambiente für Lektüre mit musikalischem Einband geben als Leipzigs Neues Rathaus, für diese eine rauschende Hochzeitsnacht ein lichtgeflutetes Märchenschloss. Und wer nicht alles gekommen ist, um zu gratulieren: In strahlend weißer Kulisse sitzt Boris Fust als wäre er in seinem Wohnzimmer eingeschneit. Der Autor, der vom Playboy bis zur Berliner Zeitung eine Schneise in den Blätterwald geschlagen hat, zeigt in seinem Roman "12 Stunden sind kein Tag" die Beschwerlichkeiten der Generation Praktikum - und die schon fast sprichwörtliche Verruchtheit der Praktikantinnen. Fast genüsslich beschreibt er Eigenarten des Genres Fetisch-Porno. Kitzeln statt Kitzler. Klingt komisch, soll aber funktionieren.
Von der Liebe zur Großmutter
Ein Stockwerk höher wird es langsam eng. Sarah Kuttner hat ihre Köder für die Leseratten ausgelegt. In "Mängelexemplar" beschreibt Madame Musikfernsehen den wirren Alltag der depressiven Karo, der der "blöde Penner Angst" gehörig zu schaffen macht. Mit sanftem Lächeln bringt Kuttner es auf den Punkt: Manchmal fühlt sich das Leben eben an wie "zäh abfließende Scheiße".
Die Laune darf man sich von Erkenntnissen dieser Art freilich nicht versauen lassen. Eine Etage tiefer lädt Bachmann-Preisträger Tilmann Rammstedt in den Lesegarten und bringt das ein oder andere anwesende Gesicht zum blühen. Sein Roman "Der Kaiser von China" ist vielleicht das vielversprechendste an diesem Abend: Eine Liebeserklärung an das Leben und das Staunen am Ende der Reise. Und wie es ist, eine Affäre mit der eigenen Großmutter zu haben.
Geglückte Hochzeitsnacht
Gottlob: Wem es nach derart postmodernen Themen nach etwas Klassischem gelüstet, wird geholfen. In der Hörspiel-Lounge schallen Jules Vernes Abenteuer aus jeder Ecke. Auf der üppigen Liegewiese, in gedimmtes, dunkelblaues Licht gehüllt, fühlt man sich selbst wie 20.000 Meilen unter dem Meer. Erst Graebel und Nießen vermögen es da, einen wieder aus dem Sitzsack zu brüllen. Die Turbopro-Show hat begonnen und schlägt einen eleganten Bogen zwischen Hochkultur und Trash. Stermann & Grissemann stellen im Anschluss einmal mehr unter Beweis, dass sie die Pitbulls im engen Zwinger des bissigen Humors sind.
Dann endlich tritt die musikalische Komponente des Abends ins Scheinwerferlicht. Olli Schulz erinnert an die Helden unserer Kindheit: Das Neue Rathaus macht erst den Bibo und dann den Grobi. Derart enthemmt lässt es sich wohl bestens weiterzappeln - für DJs ist schließlich gesorgt im Märchenschloss. Bis in die frühen Morgenstunden zieht er sich dann auch, der Tanz der Bücherwürmer. Es gibt eben nur eine Hochzeitsnacht.
















































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