Vielseitig: Mando Diao im SPUTNIK-Interview
30.04.2009
Der Tag neigt sich langsam dem Ende. Vor den Fenstern eines Berliner Hotels steigen kurz vor Weihnachten die ersten Silvester-Raketen in die Luft, was Björn Dixgaard und Samuel Giers ein anerkennendes Augenbrauchenzucken entlockt. Unzählige Interview liegen bereits in dem Interview-Duo, nebenan schwitzen die Kollegen. Und morgen geht es weiter. Mando Diao haben das Label gewechselt und mit "Give Me Fire" ihr vielleicht vielfältigstes Album vorgelegt. Deutschland - von jeher quasi das zweite Zuhause der Schweden - ist die erste Station auf dem internationalen Promotrip der nächsten Wochen. Darum reden sie noch gern auch mal etwas länger als beabsichtigt.
Als ich mir eure Single „Dance With Somebody“ das erste Mal angehört habe, dachte ich: Oh Gott, nach Folk und Country machen sie jetzt Disco! Aber das ist nur die halbe Wahrheit, richtig?
Beide: Oh ja!
Björn Dixgaard (Gitarre, Gesang): Es ist nicht mal die halbe Wahrheit. Es ist ein ziemliches Rock’n’Roll-Album geworden, viele Rocksongs.
Samuel Giers (Schlagzeug): Es ist Rock’n’Roll mit einem leichten Disco-Touch. Und Soul. „Dance With Somebody“ ist die erste Single und wir haben sie noch nicht mal selbst ausgesucht. Für uns ist das immer eine schwere Entscheidung, denn wir haben ca. 20 Songs aufgenommen, von denen zwölf auf dem Album landen. Also fragten wir andere nach ihrer Meinung und die suchten sich „Dance With Somebody“ aus. Wir dachten nach einer Weile: warum nicht! Aber es macht Spaß, die Reaktionen der Menschen auf den Song zu beobachten. anhören»
Die Songs vom neuen Album, die man sich bis jetzt anhören konnte, klingen durchaus von unterschiedlichen Genres beeinflusst. Habt ihr es genossen, auf dem neuen Album so viele verschiedene Stile zu kombinieren?
Björn: Uns hat das schon immer gefallen. Auf „Ode To Ochracy“ haben wir damit begonnen und seit damals dachten wir oft darüber nach, wie wir eine möglichst große Vielfalt auf einem Album vereinen können. Wir hatten nie wirklich Angst davor, verschiedene Stile zu spielen. Denn Rockmusik ist so ein weites Feld. Man kann sie eigentlich mit fast allem mixen und es wird am Ende immer noch nach Rock’n’Roll klingen. Zumindest, wenn wir es tun.
Samuel: Mit Sicherheit! anhören»
Ist dieses Vorhaben denn mit den Erfolgen der letzten Jahre im Rücken leichter umzusetzen?
Samuel: Auf jeden Fall, denn wir fühlen uns jetzt einfach sicherer in diesem kreativen Prozess, weil wir wissen, dass wir erfolgreich sind und eine gewissen Fanbasis haben. Hoffentlich ist das auch nach diesem Album noch so. (lacht) Wir vertrauen inzwischen unseren Instinkten, wissen, dass wir gut sind und das ist schon sehr befreiend.
Björn: Außerdem lernen wir aus jedem Album, das wir machen. Dieses Mal haben wir gelernt, dass unser einziger Fehler war, dass wir die Leute, die mit uns zusammenarbeiten, in den Prozess integrierten. Menschen wie unserem Manager die Demos vorzuspielen und sie nach ihrer Meinung zu fragen, war keine gute Entscheidung. Darum mussten wir uns dieses Mal möglichst schnell isolieren und gaben nur selten Demos raus, die wir auch sofort wieder zurück haben wollten.
Samuel: Es ist ja generell hilfreich, Meinungen von anderen zu haben. Aber wenn du mitten in den Aufnahmen jemandem ein Demo gibst und fragst, wie er es findet, macht es das in der Regel nur komplizierter. Die rufen dich dann an uns sagen: vielleicht solltet ihr im Chorus noch ein paar Handclaps dazu tun. Und du sagst nur: Ähm, das ist nur ein Homedemo, das in zehn Minuten aufgenommen wurde. Mach dir keine Sorgen, es ist noch lange nicht fertig. Und so musst du ständig erklären, dass die Arbeit noch lange nicht abgeschlossen ist.
Björn: Genau, aber wir wissen in unserem Herzen, was gut für uns ist. Wenn wir Musik erschaffen, ist das das einzige, dem wir vertrauen können. Immer nur rumzulaufen und die Leute zu fragen oder zu fürchten, dass wir Fans verlieren, bringt die Musik nicht weiter. Das wäre fast schon paranoid. Wenn wir also denken, dass etwas gut ist, passt es erstmal. Und wenn es den Leuten dann noch gefällt – BINGO! anhören»
Björn, hat deine Quasi-Solo-Tour zum letzten Album eigentlich die Arbeiten an der neuen Platte beeinflusst?
Björn: Hm… nein, nicht wirklich. Die Solotour hat mir wirklich Spaß gemacht, es war eine tolle Erfahrung. Aber ich brauche das nicht nochmal, denn es war toll, endlich wieder mit der Band zu spielen. Ich ha be einfach mal kurz den großen Zeh ins Wasser gehalten und es ausprobiert. Mehr davon gibt es aber nicht. Keine Tourpläne, keine Soloalben – jedenfalls soweit ich informiert bin. Obwohl – irgendwann sollte vielleicht jemand anderes ein Soloalbum aufnehmen. Sam hier könnt eine fantastische Platte machen. Vielleicht nehmen wir alle solo auf und haben trotzdem noch die Band am laufen. Oder auch nicht. Mal sehen. Die Zukunft ist ungewiss. anhören»
Ihr habt in Stockholm und Long Beach aufgenommen. Zwei Städte, die wahrscheinlich kaum gegensätzlicher sein können.
Samuel: Richtig, obwohl auch das nur die halbe Wahrheit ist. Der einzige Grund, warum wir nach Long Beach in Los Angeles flogen, war der Gedanke, eine Pause von allem zu machen, irgendwo hinzugehen und dort einige Dinge zu beenden. Der Fotograf, mit dem wir schon seit Jahren zusammenarbeiten und der auch das Artwork für das neue Album gemacht hat, wohnt in Long Beach und hat dort ein Studio. Es war eine natürlich Entscheidung: lasst uns mitten im Winter da hinfliegen und etwas Sonne tanken. Das alles ist ja erst drei Wochen her. Aufgenommen haben wir dort dann drei Songs in drei verschiedenen Studios.
Björn: Es war auch insofern gut, weil wir in Schweden sehr lang an dem Album gearbeitet haben.
Samuel: So bekamen wir eine andere Perspektive, bevor wir uns ans Mixen machten. anhören»
Das Wort „einfach“ ist im Zusammenhang mit den neuen Songs schon mehrmals gefallen. Ist es einfach, solche Songs zu schreiben und sie dann auch in diesem Zustand zu lassen?
Samuel: Nein, das ist ziemlich schwer. Einen Song zu schreiben, der einfach klingt, ist wahrscheinlich das schwierigste überhaupt. Bei einem Stück wie „Hey Ya“ denkst du: Meine Güte, so etwas zu schreiben kann nicht schwer sein. Aber tatsächlich ist es unglaublich anstrengend, auch ihn dann so einfach zu halten. Denn die Grenze zwischen einfach und zu einfach ist sehr schmal. Und wenn das Stück zu einfach ist, klingt es blöd und du wiederholst dich nur. Der Trick ist, die gleichen Akkorde, den gleichen Rhythmus im kompletten Song zu nutzen und ihn trotzdem nicht langweilig werden zu lassen.
Björn: Ich war wirklich glücklich als mir dieser Song in den Kopf kam. Das fühlte sich toll an. (lacht) Ein Geschenk von ganz oben. Oder so. anhören»
2008 war das erste Jahr seit eurem Debüt, in dem kein Album erschien!
Björn: Das hing mit den Arbeiten am neuen Album zusammen und der Tatsache, dass wir uns dafür Zeit lassen wollten. Normalerweise nahmen wir vorher in zwei oder drei Monaten auf, diesmal aber dauerte es ein halbes Jahr. Vielleicht schaffen wir es beim nächsten Mal dafür ja in einem Monat.
Samuel: Wenn wir schneller gearbeitet hätten oder die Deadline früher gewesen wäre, hätten wir es sicher auch schon im November veröffentlichen können. Aber wir wollten, dass am Ende alles stimmt und wir unser neues Label besser kennen. Alles braucht seine Zeit und wir wollten uns auch selbst nicht zu viel Stress machen. Jetzt haben wir natürlich doch wieder Stress – so wie immer. So viele Dinge müssen fertig gestellt werden und Deadlines eingehalten werden. Trotzdem fühlt es sich toll an, ein neues Album zu veröffentlichen. anhören»
Das ist inzwischen euer fünftes Album. Hat sich durch die Erfolge von Euch, Sugarplum Fairy und vielleicht auch Miss Li eigentlich in eurer Heimatstadt Borlange etwas verändert?
Samuel: Ein wenig schon. Es hat den Politikern die Augen dafür geöffnet, was Musik erreichen kann und wie es so eine kleine Stadt wie Borlange bekannter machen kann. Sie haben inzwischen eine Musikhochschule eröffnet, die „Boomtown“ heißt. Da ist viel Geld investiert worden. Ich habe keine Ahnung, ob es eine gute Schule ist, aber mir gefällt die Idee. Außerdem gibt es in Borlange das „Peace & Love“-Festival, das inzwischen sehr erfolgreich ist. Über die letzten Jahre ist es zum größten Festival in Schweden geworden. Auch das ist natürlich wichtig für die Stadt.
Björn: Das ist ein richtig gutes Beispiel. Sie fingen mit dem Festival wegen all der Gewalt in der Stadt an und inzwischen gibt es auf jeden Fall weniger Verbrechen. Neulich habe ich Johnossi live gesehen und sie hatten ein grandioses Publikum. Als wir dort spielten, waren in der Regel nur zehn Death Metal-Typen und ein paar andere Leute dort. Aber sie hatten ein tolles Publikum, sogar Menschen mit langen Haaren! (lacht) anhören»



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