SPUTNIK Roboton
Alte Romantiker: Hot Chip im Interview
27.12.2009
Mit "One Life Stand" legen Hot Chip das wohl poppigste Album ihrer Geschichte vor. Im SPUTNIK-Interview erklärt Sänger Alexis Taylor die Entstehungsgeschichte und outet die Band als verträumte Romantiker mit Hang zum Soul.
Wir alle wissen, was ein One Night Stand ist. Gibt dir ein "One Life Stand" den Thrill eines One Night Stands hoch 10?
Alexis Taylor: (lacht) Ich glaube, ich hatte nie einen One Night stand, bin eher so eine One Life Stand-Typ. Vielleicht bin ich also der falsche, wenn es darum geht, diesen Song geschrieben zu haben. Meine Idee war ziemlich einfach. Ich wollte ausdrücken, wie sehr man sich wünschen kann, sich an jemanden zu binden. Das ist alles, was man will: für immer zu jemandem gehören. So stellte ich das Klischee auf seinen Kopf. Mir gefällt es, solche Klischeephrasen zu nehmen und ihnen echte Gefühle und Wärme zu geben. Im gleichen Satz sage ich ja auch: „Tell me, do you stand by your man“ und spiele damit auf den gleichnamigen Tammy Wynette-Song an. Das war nicht meine Absicht, sondern die Worte kamen mir einfach in den Sinn. Aber genau so ist es schon öfter bei Hot Chip passiert: man nutzt etwas, das sehr bekannt klingt, verleiht ihm aber eine andere Bedeutung. Wenn jemand „I only wanna be your one life stand“ sagt, ist das ja kein kleines Geständnis, sondern eine ziemlich große Sache. Es unterstreicht die Geste nochmal. Und der „Stand by your man“-Teil zeigt dann, dass du von deinem Gegenüber eine ähnliche Hingabe erwartest. Bei Tammy Wynette hat dieser Satz ja etwas von einer Ansage: du sollst bei deinem Mann bleiben. Bei uns handelt es sich eher um eine Frage als dass ich ein Ultimatum ausspreche. Der Text in der Strophe hat dann bei weitem nicht das gleiche Selbstvertrauen. Man hört dort viel Misstrauen, der dem klaren Statement im Chorus eigentlich widerspricht. Der Song dreht sich also um Monogamie und das Zusammensein, während die Strophen signalisieren, dass nicht alles so glatt zu laufen scheint. Diese beiden Dinge wollte ich zusammenbringen.
In einem Interview erzählt dein Bandkollege Joe, dass du für ihn der größte Musikverrückte überhaupt seist. Wie nerdy seid ihr beide als Kern der Band, wenn es um Hot Chip geht?
Alexis Taylor: Das ist eine lustige Idee, denn jeder, der nicht so für Musik brennt wie ich, wird mich wahrscheinlich als nerdy oder geeky beschreiben. Aber alle Menschen, die ich kenne und die Musik mögen, beschäftigen sich ähnlich stark mit Musik – egal ob sie jetzt Prince, R. Kelly oder John Coxon heißen. Nicht dass ich sie alle persönlich kennen würde, aber jeder Musiker ist in der Regel ähnlich besessen von Platten, dem Sound einer Aufnahme, dem Gefühl eines Auftritte oder dem Plattensammeln. Wir unterschieden uns glaube ich nicht von diesen Leuten und ich würde auch erwarten, dass sie alle sich so stark für die Platten anderer Musiker interessieren. Denn bei allen Musikern, mit denen ich bis jetzt zusammengearbeitet habe, war es genau so.
Es überrascht, dass "One Life Stand" doch sehr weniger elektronisch klingt als erwartet. Ist es vielleicht das bandorientiertestes Hot Chip-Album überhaupt?
Alexis Taylor: Das ist es: man hört jeden in fast allen Songs, es wurde fast komplett im Studio von Alan (Doyle) und Felix (Martin) aufgenommen und wir waren fast durchgängig alle vor Ort. Es hatte etwas sehr einladendes, dort Musik aufzunehmen. Alle waren ein Teil davon. Das war bei den letzten Alben nicht unbedingt so, denn vieles davon wurde auf einem Bett sitzend mit ein wenig Percussion und einer Fender Rhodes vor einem Computer aufgenommen. Dieses Mal hatten wir mehr Platz, konnten alle vor Ort sein und unsere Arbeitsweise erweitern. Sonst war ich derjenige, der die Instrumente spielte und Joe programmierte. Jetzt gab es genug Platz für uns alle. Trotzdem entschieden wir uns nicht bewusst dafür, ein weniger elektronisches Album zu machen. Die Songs passten einfach und die Musiker genauso. Uns gefiel schon immer der Sound eines Live-Schlagzeugs, aber bis j etzt hatten wir niemanden in der Band, der das konnte. Live spielten wir darum immer mit Drum-Machines. Zum letzten Album tourten wir dann mit einem Drummer und mussten ständig Möglichkeiten suchen, wo wir ihn brauchen könnten. Bei den neuen Songs aber dachten wir von Anfang an, dass sie mit Schlagzeug funktionieren könnten. So richteten wir uns eher nach den Songs, im Gegensatz zur letzten Tour, wo wir schon tausende Sounds hatten und trotzdem noch ein Schlagzeug integrierten – auch wenn es gar keinen Platz dafür gab. Jetzt hört es sich hoffentlich natürlicher an, wenn wir das Schlagzeug oder akustische Instrumente benutzen. Die Songs schrien einfach nicht danach, alles elektronisch einzuspielen. Trotzdem gibt es immer noch hunderte von Synthesizern auf dem Album.
Außerdem habt ihr einige sehr gradlinige Popsongs, -hits aufgenommen. War das Absicht?
Alexis Taylor: Wir haben das schon immer versucht, sind aber sicher besser geworden, prägnante Popsongs zu schreiben. Am Ende muss das natürlich das Publikum entschieden, denn wenn wir denken, dass ein Song einfach und poppig ist, muss es das für den Hörer noch lange nicht sein. Wir haben lange auf diesen Punkt hingearbeitet, auch wenn sich die Prioritäten nicht wirklich verschoben haben. Am Ende hatten wir vielleicht einfach nur Glück oder sind tatsächlich besser geworden. Keine Ahnung.
Aber es gibt auch einige langsame Stücke. Sind elektronische Balladen ein unterschätztes Genre?
Alexis Taylor: Definitiv. Auch wenn wir für diese eine Ballade auf dem neuen Album gar nicht soviel Elektronik benutzt haben. Vielleicht ist es sogar unser traditionellstes Arrangement überhaupt, zumindest wenn es um Balladen geht. Aber gestern erst habe ich mir viele elektronische Balladen angehört, Phil Collins mit „One More Night“ zum Beispiel. Auch wenn der Song 1996 aufgenommen wurde, transportiert er für mich das gleiche Gefühl wie ein R. Kelly-Song oder „If I Was Your Girlfriend“ von Prince. Für mich ist genau das der Inbegriff einer elektronischen Ballade: wenn einerseits eine moderne Produktion zu hören, man das Stück andererseits aber auch auf einem Piano spielen könnte. Ich mag es, wenn jemand von Herzschmerz singt, gleichzeitig aber in diesem digitalen, etwas klaustrophobischen Sound gefangen ist. Einige meiner Lieblingssongs haben genau das und ich ziehe es darum auch vor anstatt entweder Upbeat-Elektronik oder Pianoballaden zu machen. Am besten wird es nämlich, wenn sie sich in der Mitte treffen.
Sind die Hot Chip-Mitglieder also Romantiker?
Alexis Taylor: Ich denke schon. Für die anderen kann ich nicht sprechen, aber viele meiner eigenen Songs drehen sich um da Thema Liebe. Und das war schon immer so. Meistens schreibe ich über meine Gefühle für jemand anderen und über meine Beziehungen, was ja das klassischste Songthema überhaupt ist. Mir ist das nicht peinlich und ich halte es auch nicht für ein Klischee. Ist es einfach das, was ich fühle. Ja, wir sind Romantiker, gleichzeitig aber sind einige der Liebeslieder auf diesem Album sehr realistisch und nicht einfach nur romantisch.
Deine Stimme klingt oft sehr soulig. Wie viel Soulmusik packst du in die Hot Chip-Songs?
Alexis Taylor: Ich höre viel Soul, wahrscheinlich mehr als jedes andere Musikgenre. Aber mein Verständnis von Soul ist auch sehr breit. Es müssen nicht Swamp Dog oder Bobby Bland oder andere Acts aus der Southern Soul-Richtung sein. Charles Haywood etwa, einer der Drummer auf unserem neuen Album, hat schon viele Soloplatten aufgenommen und ich finde seinen Gesang sehr soulful. Selbst die Beatles haben Soul, bzw. der Sound ihrer Alben ist stark davon beeinflusst. Also: ja, es ist ein sehr wichtiger Einfluss. Allerdings orientiere ich mich beim Singen nicht explizit daran. Man hört sich einfach die Alben an und versucht es dann mit dem richtigen Gefühl rüberzubringen. Und man will ja auch gar nicht, dass es anders als soulful klingt. Keiner will doch scheußliche Musik aufnehmen.
Interview: Andreas Zagelow


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