"Gestern war auch schon ein Tag. Erzählungen" von Finn-Ole Heinrich

©mairisch Verlag

LYDIAS LESESTOFF vom 19.10.2009

SPUTNIK Popkult

LYDIAS LESESTOFF vom 19.10.2009


Manchmal habe ich Angst, dass ich auch dumm werde. (Der erste Satz der Erzählung "Wenn man gesungen sagt")

Das Buch
"Gestern war auch schon ein Tag. Erzählungen" von Finn-Ole Heinrich (mairisch Verlag / 16,90 Euro)
Susan hat ein Bein verloren. Da wo es war, ist nun ein Stumpf. Doch sie scheint es gut überstanden zu haben, sowohl die Operation, als auch die Zeit danach. Nun kehrt sie nach Hause zurück, optimistisch, lebensbejahend und gierig. Vielleicht sollte sie depressiv sein, vielleicht sollte sie viel weinen. Das zumindest erwartet ihr Freund, der sie nach Hause holt.

Stattdessen reißt Susan zweideutige Witze. Vielleicht sollte sie die Welt hassen und sich fragen: "Warum ich?". Das würde ihren Freund nicht wundern. Eigentlich müsste alles andersherum sein. Nicht er sollte durchhängen und sich ekeln, sondern sie. Nicht sie sollte sagen: "Ist doch alles nicht so schlimm!", sondern er.

Mit dieser Geschichte eröffnet Finn-Ole Heinrich seinen neuen Erzählband. Mit Zeit der Witze macht er schon am Anfang klar: Achtung, es kann weh tun! Und es tut weh. Es schmerzt, wenn Elli am Fenster steht und hofft, nicht dumm zu werden, und nicht so richtig weinen kann, obwohl ihre Großmutter starb, der kleine Bruder behindert ist und der große Bruder sich so selten blicken lässt. Es schmerzt, zu lesen, wie sie entrückt, dennoch gefasst, auf die Narben ihrer Familie sieht.

Es schmerzt, Henning zu hören. Wie er mit jugendlichem Charme die Dinge der Welt beschreibt - und seinen Alltag im Heim für Schwererziehbare. Doch noch mehr schmerzt es, ihn zu mögen, obwohl er einen anderen Jungen gequält hat, mit Anfassen, Schlagen, Anzünden und so.

Der Leser
Es sind Lebensgeschichten, die man immer mal wieder hört, von denen man in der Zeitung liest, die auch immer wieder anders erzählt werden. Einem selbst sollen (und werden) sie natürlich nie passieren, nie. Diese Lebensgeschichten zu lesen, ist nur bedingt eine Freude. Es hinterlässt Spuren, tiefe Spuren.

Das Fazit
Finn-Ole Heinrich spricht eine besondere Sprache, so selbstverständlich und wie nebenbei, dennoch ganz zielsicher, treffend und dicht. Wie er schreibt, so liest er auch, auf seinem neuen Hörbuch "Auf meine Kappe". Finn-Ole Heinrich sollte man sich unbedingt merken - und unbedint lesen!

Der Autor
Finn-Ole Heinrich (*82) studierte Film in Hannover. Sprache ist ihm wirklich wichtig, deswegen hört er anderen Menschen gern zu. Kürzlich erfüllte er sich einen lang gehegten Wunsch: Er zog mit seinen besten Freunden nach Hamburg, in eine Straße. Die Decke seines Zimmers ist sehr niedrig, das ist ok. Allerdings braucht er bald ein Arbeitszimmer. "Gestern war auch schon ein Tag. Erzählungen" ist seine dritte Buchveröffentlichung.

Dann springe ich ab und liege in der Luft. (Der letzte Satz der Erzählung "Samstags")

Die Fakten
"Gestern war auch schon ein Tag. Erzählungen" von Finn-Ole Heinrich erschien bei mairisch und kostet 16,90 Euro. Im Buch stehen acht Erzählungen, verteilt auf 156 Seiten.

Wer nicht lesen will, kann hören ...
Finn-Ole Heinrich liest selbst. Die Musik kommt von Ludwig Plath. Sechs Erzählungen finden Platz auf zwei CDs, vier Texte darauf sind dem Buch entnommen. Das Hörbuch "Auf meine Kappe" erschien im mairisch Verlag und kostet bezahlbare 12,90 Euro.

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Buch

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