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"Jelne" von Henriette E. Møller

©Suhrkamp

LYDIAS LESESTOFF vom 09.11.2009

SPUTNIK Popkult

LYDIAS LESESTOFF vom 09.11.2009


Sie beugt sich aus dem offenen Fenster, da ist Jelne, die sich an einem späten Nachmittag im Januar aus dem offenen Fenster in der Wohnung im fünften Stock beugt. (Der erste Satz des Buches)

Das Buch
"Jelne" von Henriette E. Møller (Suhrkamp nova / 12,90 Euro)
Jelne wurde dreimal verlassen. Und dreimal konnte sie nichts dagegen tun. Jedes Mal ist sie ein bisschen dabei gestorben. Als sie 7 war, starb ihre Mutter. Sie kam nicht mehr nach Hause. Sie lag im Krankenhaus und war ganz kalt. Jelne, die damals noch Jenny hieß, hat es nicht sofort begriffen. Die Mutter war ganz kalt, die Menschen um sie herum weinten und plötzlich war der Großvater da.

Das kleine Mädchen hatte ihn noch nie zuvor gesehen. Er nahm sie mit zu sich nach Hause. Er bedauerte sie sehr. Er sagte, sie sei "jetzt janz jelene". Er meinte, alleine. Sie fühlte sich so, und nannte sich ab da nur noch Jelne.

Als Jelne 19 war, starb der Großvater, er saß mit geschlossenen Augen im Garten, Jelne wütend daneben. Jetzt war sie wieder alleine, wieder "jelene". Wieder war ein Stückchen von ihr mitgestorben. In der Nacht hatte sie Albträume, doch das Leben ging weiter.

Als sie 27 war, wurde sie von ihrer großen Liebe Kasper verlassen. Vier Jahre waren sie zusammen, hatten glücklich in seiner Wohnung in Kopenhagen gewohnt, wollten heiraten, Kinder kriegen, für immer glücklich sein. Doch im letzten der vier Jahre veränderte sich etwas. Jelne hatte eine Ahnung, gab es aber nicht zu. Kurz nach Neujahr verließ er sie. Und Jelne war wieder allein.

Jelne ist allein.

Doch dieses Mal will sie sich dem Schicksal nicht einfach so ergeben, nicht wieder einfach nur ein bisschen sterben und dann weitermachen, wie bisher. Sie schmeißt alle Fotos gemeinsamer Tage mit Kasper aus dem Fenster in den Schnee, packt einen Koffer und fährt zurück in den Ort ihrer Kindheit, auf die Insel Møn. Sie will wissen, was damals passiert ist, wie ihre Mutter so gewesen ist, und warum sie noch immer Albträume quälen, obwohl es doch schon 20 Jahre her ist, dass sie starb. Zunächst unerkannt jobbt sie im gleichen Hotel wie ihre Mutter damals.

Die Menschen, die dort arbeiten tun ihr gut. Nach und nach kommt sie an und wird wieder lebendig. Und irgendwann ist sie nicht mehr Jelne, sondern nur noch Jenny.

Der Leser
Dieses Buch hat mich zum Weinen gebracht. Zum Lachen auch. Und zum Lautlesen. Als ich es durchhatte, lag ich auf dem Sofa und starrte an die Decke, es fühlte sich nicht schlimm an. Was für ein Buch!

Das Fazit
Henriette E. Møller schreibt anders. Nicht einfach nur Subjekt-Prädikat-Objekt. Sie verdreht die Sätze, wiederholt sich, setzt Wörter da ein, wo sie ihr am sinnvollsten erscheinen. Das kann anstrengen, wenn man es beim Lesen eilig hat. Es kann aber auch richtig Spaß machen. Dieses Buch ist wundervoll! Willige Leser sollten jedoch eines beachten: Es ist ein Mädchenbuch.

Die Autorin
Henriette E. Møller kam 1976 in Kopenhagen zur Welt. "Jelne" sorgte in Dänemark für Furore, der Roman wurde mit allen wichtigen Literaturpreisen Dänemarks ausgezeichnet. Er erschien auch in den Niederlanden. "Jelne" ist Henriette's erster Roman.

Und während sie dasitzen, erstarrt auf dem Parkplatz langsam der Asphalt. (Der letzte Satz des Buches)

Die Fakten
"Jelne" von Henriette E. Møller erschien bei Suhrkamp nova und kostet 12,90 Euro. Das Buch hat gut 220 Seiten.

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