Nominiert von MDR SPUTNIK Dissy

Er bringt Bild- und Textgewalt zurück in den Deutschrap. Der Erfurter battelt mit Biss und Brain und katapultiert sein Soloprojekt dank ausgeklügelter Videoästhetik auf ein erstaunlich hohes Niveau.

MDR SPUTNIK nominiert Dissy für den New Music Award 2020.
Bildrechte: MDR SPUTNIK / Presse

Wenn man sich auf Dissy das erste Mal einlässt, dann löst man ein Ticket für eine sehr weirde Vernissage. Marode Industriehalle, vernebeltes Strobolicht. Miteinander verschworene Leute starren einen aus geweiteten Pupillen an, während man Eindrücke verarbeitet, die einen in den ersten Augenblicken wie Fausthiebe auf den doppelten Boden der Realität niederstrecken. Aber allmählich, Takt für Takt – Frame für Frame - Bar für Bar schält sich eine schwindelerregende Form der Erkenntnis aus den Codes & Keys heraus: Dissy hat ne Vision!

Bars, die sich einbrennen

 „All die großen Fragen lösch ich von der Mailbox“ heißt es in einem seiner aktuellen Tracks „September“. Als ob das so einfach wäre. Erase & Rewind? Nix da! Dissy’s Gedanken sind gekommen, um zu bleiben. Auch wenn sie Haken schlagen wie ein Rudel junger Hasen. Aber seine Sätze, seine Punchlines schleudert Dissy mit Wucht auf eine Leinwand. Und die Bilder, die dabei entstehen, brennen sich in die Netzhaut wie der Umriss der Sonne, in die man ein paar Millisekundenbruchteile zu lange gestarrt hat, bevor man die Augen aus Angst vor spontaner Selbsterleuchtung verschlossen hat.

Nicht nur Hip Hop im Kopf

Dissy stammt aus dem Osten Berlins und verbrachte die, wie er sagt, „wichtigsten Jahre seines Lebens“ in der thüringischen Landeshauptstadt Erfurt. Dort dockt er an die bestehende Musikszene an und sorgt schnell für Aufsehen. Dass sich hier ein vielseitiger Künstler mit Vision entfaltet, spricht sich unter anderem auch bis zu Clueso herum. Für den Videoclip zu dessen Single „Achterbahn“ führt Dissy nämlich Regie.

Das ist kein Rap, sondern Broken Word Performance

Nebenbei mischt er mit seiner „Pestizid“-EP den Untergrund auf und beeindruckt damit nicht nur den Deutschrap-Wächter Falk Schacht. Mit seinem Soloprojekt „Fynn“ lässt er inklusive Film ein düstergelauntes Alter Ego von der Leine. Und er tobt sich unter anderem mit Maeckes und Chefket auf gemeinsamen Touren aus.  Anfang 2020 erscheint dann sein „bugtape side a“ – nennen wir es ruhig Album. Eine Ansage. Ein düsterer Trip. Fortsetzung folgt in den nächsten Monaten mit dem „bugtape side b“. Dissy hat noch einiges vor. Dabei wäre es zu einfach, ihn in die Deutsch-Rap-Schublade zu stecken. Denn eigentlich ist das gar kein Rap, sondern Spoken - nein eher Broken Word Performance.

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